Handlungskonzept "Zukunftsaufgabe Wohnen im Alter" - unser Änderungsantrag
10. Mär 2008

Die Verwaltung legt in der Sitzung des Wohnungsausschusses am 10. März 2008 ein "Handlungskonzept "Zukunftsaufgabe Wohnen im Alter" vor. Uns Grünen sind die Ziele und Handlungsempfehlungen dieses Konzeptes nicht konkret genug. Deswegen haben wir den folgenden Änderungsantrag gestellt:
Änderungsantrag zur Sitzung des Ausschusses am 10. März 2008
hier: Handlungskonzept „Zukunftsaufgabe Wohnen im Alter“


Sehr geehrter Herr Witzke,

die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen bittet Sie, folgenden Änderungsantrag zur Vorlage 64/1/2008 auf die Tagesordnung der Sitzung am 10. März 2008 zu nehmen und zur Abstimmung zu bringen:

Der Ausschuss für Wohnungswesen und Modernisierung empfiehlt dem Rat der Stadt Düsseldorf, das Handlungskonzept „Zukunftsaufgabe Wohnen im Alter“ mit folgenden Zielen und Handlungsempfehlungen zu beschließen:

Ziele:
• Bis zum Jahr 2030 ist der Anteil der barrierefreien beziehungsweise der barriere-armen Wohnungen mindestens genauso hoch wie der Anteil der über 55-jährigen an der Gesamtbevölkerung.
• Bis zum Jahr 2030 gibt es für 25 % der über 75-jährigen Düsseldorferinnen und Düsseldorfer ein Wohnungsangebot mit Versorgungssicherheit hinsichtlich Betreuung und Pflege in ambulanten wie stationären Gruppenwohnprojekten. Die Bedürfnisse der Migrantinnen und Migranten werden hierbei entsprechend  berücksichtigt.
• In den nächsten 10 Jahren ist mindestens in jedem Stadtbezirk ein Mehrge-nerationenwohnprojekt realisiert.
• Bis zum Jahr 2013 sind 75 % der gewerblichen Wohnungseigentümer in Düsseldorf die diesbezüglichen Beratungsangebote bekannt.
• Die Selbsthilfe- und –organisationspotenziale der alten Düsseldorferinnen und Düsseldorfer mit und ohne Migrationshintergrund werden aufgespürt und nutzbar gemacht.
• Die Stadtteile und die Verkehrsinfrastruktur werden sukzessive altengerecht gestaltet. Bis zum Jahr 2020 sind alle Bushaltestellen im Stadtgebiet barrierefrei gestaltet und alle Masten und Poller an überdurchschnittlich frequentierten öffentlichen Orten kontrastreich abmarkiert.
• Die Vernetzung der Beratungsangebote wird intensiviert.

Handlungsempfehlungen:

Wohnungsneubau:
• Potenzielle Investoren werden über die Notwendigkeit von barrierefreien Wohnun-gen umfassend durch die Verwaltung informiert. Vorbild und Maßstab ist die ein-schlägige Veröffentlichung des Ministeriums für Bauen und Verkehr des Landes NRW „Wohnen ohne Barrieren – Komfort für alle“.
• Durch städtebauliche Verträge wird abgesichert, dass alle neugebauten Wohn-bereiche im Erdgeschoss barrierefrei erreichbar sind und neu errichtete Woh-nungen in Gebäuden mit mehr als drei Geschossen barrierefrei sind.
• Mit einem entsprechend ausgestalteten Förderprogramm wird ein Anreiz zur Realisierung von Mehrgenerationenwohnprojekten gegeben. Vorbild ist das Konzept Mehrgenerationenwohnen der Stadt Köln.
• Die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema barrierefreier Wohnungsbau wird intensiviert.

Wohnungsbestand:
• Die barrierefreie beziehungsweise –arme Anpassung von Wohnraum wird intensiviert. Hierzu wird die bestehende Förderung der Stadt mit der Richtlinie für die Förderung von Wohnraumanpassungen und Umzügen (WohnberatungsR) ausgeweitet und inhaltlich mit der bestehenden Landesförderung (Richtlinie zur Förderung von investiven Maßnahmen im Bestand in Nordrhein-Westfalen (RL-BestandsInvest)) verknüpft. Die Förderung als Darlehen oder Förderung als Zuschuss wird sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Begünstigten richten. Bei einer Anpassungsförderung in größerem Umfang soll eine Fördervereinbarung getroffen werden, in der auch das öffentliche Interesse an einer sozial- und altengerechten Entwicklung der Stadt bedient wird. Dieses Förderprogramm wird nach zwei Jahren auf seine Wirksamkeit überprüft.
• Die Informations- und Beratungsangebote der Wohnberatung werden intensiviert. Die Mittel für Sach- und Personalkosten werden entsprechend angepasst.

Neue Wohnformen:
• Wohnen in Gemeinschaft: Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Ko-ordinierung und Begleitung durch die Wohnberatung; Bereitstellung geringfügiger städtischer Mittel zur Unterstützung von Wohnprojektgruppen und städtische Grundstücke werden bevorzugt an Wohnprojektgruppen abgegeben – als Vorbild dient die Verwaltungspraxis der Stadt Freiburg im Breisgau.
• Es wird ein Umsetzungskonzept erarbeitet, wie der zukünftig erforderliche Bedarf an ambulanten wie stationären Wohngruppenprojekten im Neubau bedarfsgerecht errichtet wird (alternative Pflege-/Wohnkonzeptionen).
• Wohnen für Hilfe: Initiierung und Etablierung des Wohnmodells „Wohnen für Hilfe“
• Eine repräsentative Umfrage für das Stadtgebiet Düsseldorf zu „Geplante Wohnformen im Alter“ wird in den nächsten zwei Jahren beauftragt.

Migrantinnen und Migranten:
• Die Wohnbedürfnisse älterer Migrantinnen und Migranten werden in den nächsten zwei Jahren repräsentativ ermittelt und fließen innerhalb eines Folgejahres in ein Handlungskonzept ein.
• Die Angebote der Verwaltung im Handlungsfeld „Wohnen im Alter“ werden interkulturell geöffnet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden entsprechend qualifiziert.

Wohnumfeld:
• Die Wohnberatung nimmt an Sitzungen der „Stadtbezirkskonferenzen Seniorenarbeit“ teil, soweit das Thema „Wohnen im Alter“ betroffen ist.
• Ein Stadtteil mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an alten Menschen wird ausgewählt und in den nächsten 10 Jahren zu einem vorbildlichen altengerechten Stadtteil umgebaut. Dabei werden die Erkenntnisse aus dem Konzept „Wohnquartier4“, soweit im Gesamtkonzept integrierbar, sinnvoll verwertet.
• Zur Qualifizierung interessierter Bürgerinnen und Bürger mit und ohne Migrationshintergrund werden Mittel zur Verfügung gestellt, um Konzepte zur Gestaltung des nachbarschaftlichen Miteinanders weiter zu entwickeln und die Eigeninitiative zu fördern. Die interessierten Bürgerinnen und Bürger werden bei der Vernetzung ihrer Arbeit unterstützt (Runde Tische „Nachbarschaft“).
• Die Umsetzung des Rahmenkonzeptes Fußverkehr wird so intensiviert, dass eine ähnliche Umsetzungsintensität wie bei der Radverkehrsförderung erreicht wird.

Öffentlichkeitsarbeit:
• Die Kampagne „Du bist das Maß aller Dinge!“ des Ministeriums für Bauen und Verkehr des Landes NRW wird mit entsprechenden städtischen Mitteln durchgeführt.
• Die Angebote der Wohnberatung werden intensiv beworben.
• Zu Themenschwerpunkten werden Veranstaltungen durchgeführt, zum Beispiel in Form von Fachtagungen.

Der Ausschuss für Wohnungswesen und Modernisierung und gegebenenfalls der Rat bekommen vor Umsetzung der einzelnen Maßnahmen Beschlussvorlagen zur Beratung vorgelegt.

Die Verwaltung wird gebeten, die Beschlussvorlagen 64/1/2008 für den Haupt- und Finanzausschuss und den Rat entsprechend zu ändern.

Sachdarstellung:
Soll „Wohnen im Alter“ eine ernsthafte Zukunftsaufgabe sein, muss ihre Lösung mit verbindlichen Zielstellungen verbunden sein. Ernsthafte Ziele sollten sein, dass in gut 20 Jahren in Düsseldorf jeder älteren Person rechnerisch eine barrierefreie oder –arme Wohnung zur Verfügung steht, die Nachfrage nach betreutem Wohnen gedeckt werden kann, Mehrgenerationenwohnen in Düsseldorf etabliert wird, die Selbstorganisationsfähigkeit der Alten erkannt und genutzt wird, das Wohnquartier altengerecht ist sowie dass den besonderen Bedürfnissen der Migrantinnen und Migranten Rechnung getragen wird. Mehrgenerationenwohnen, Quartiersbezug und Alte mit Migrationshintergrund als Teil des Handlungskonzeptes „Zukunftsaufgabe Wohnen im Alter“ waren Bestandteile des einstimmigen Ratsauftrages vom 3. Mai 2007.

Wichtig hierbei ist, dass die Wohnungseigentümer/-innen von den entsprechenden Unterstützungsangeboten wissen. Einer empirischen Untersuchung der TU Dresden zu Folge fühlen sich ca. 60 % der privaten Wohnungsvermietenden über Fördermöglichkeiten schlecht bis gar nicht informiert. Der Erfolg von Informationskampagnen ist mittlerweile messbar.

Das Baurecht gibt die Möglichkeit, über städtebauliche Verträge die Ziele der Bauleitplanung zu fördern und zu sichern, auch gerade hinsichtlich der Deckung des Wohnbedarfs von Bevölkerungsgruppen mit besonderen Wohnraumversorgungsproblemen. Mobilitätseingeschränkte und Pflegebedürftige haben dieses Problem schon jetzt. Darüber hinaus sollten ab jetzt soviel barrierefreie Wohnungen wie möglich errichtet werden, damit nicht in 20 Jahren neue Wohnungen mit öffentlichen Geldern barrierefrei angepasst werden müssen.

Der Ausbau der Förderung von Wohnraumanpassungen ist dringend geboten. Die BestandsInvest-Förderung des Landes vergibt für 50 % der förderfähigen Kosten Darlehen. Hiervon profitieren überwiegend die Nutzenden von selbstgenutztem Eigentum und die Besitzenden größerer Wohnungsbestände des öffentlich geförderten Wohnungsbaus. Dies gilt es, bei einer Erweiterung der städtischen Förderungen zu beachten. In einer Stadt, in der ca. 60 % der Wohnungen von privaten Vermieter/-inne/-n gewerblich vermietet wird, ist es sinnvoll, für diese Zielgruppe Anreize zur altengerechten Anpassung der Wohnungsbestände zu geben. Dies sollte aber auch dazu genutzt werden, bei umfangreichen Anpassungsförderungen im verhältnismäßigen Umfang Gegenleistungen zur Versorgung der alten und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen zu verlangen.

Über 11 % der Senioren und Seniorinnen in Köln wollen laut einer Umfrage der Stadt Köln „Leben in Köln – Umfrage 2004 – Geplante Wohnform im Alter“ in einer altersgemischten oder –homogenen Gruppe wohnen. Hier fehlt in Düsseldorf das Wohnungsangebot und die Bereitschaft des Grundstücksmarkts, den besonderen Zeitbedürfnissen einer Wohngruppe Rechnung getragen. Die Stadt Freiburg im Breisgau hat hier eine Praxis entwickelt, in der noch nicht vollständige Baugruppen Grundstücke zeitlich befristet reserviert bekamen und so die Möglichkeit hatten, sich zu vervollständigen und ein gruppenangepasstes Finanzierungskonzept zu entwickeln. Dies hat dort die Bautätigkeit gestärkt und lokale Architekten gefördert.

Immer mehr Menschen können und wollen im nachberuflichen Leben Sinnvolles gestalten, Verantwortung übernehmen, Potenziale entdecken und fördern, einen anderen Generationenvertrag (Sie bieten Lebenserfahrung und Zeit) mit den Jungen eingehen. Vor diesem Hintergrund entwickeln sich auch neue Wohnprojektgruppen, die sich in kulturell-sozialen Bereichen sowohl im eigenen Projekt als auch in der Nachbarschaft engagieren werden. Das Thema ist in den Netzwerken der Zentren plus verankert, aus denen heraus sich derzeit die meisten Wohnprojekte entwickeln. Bereits erfahrene Wohninitiativen begleiten in Form von Modelltransfer neu entstehende Verbindungen. Diese neue Form von Stadtentwicklung durch die ältere Generation fördert die individuelle soziale Vorsorge für das eigene Leben im Alter und leistet einen nachhaltigen Beitrag zur Entlastung nachfolgender Generationen.

Immer mehr Migrantinnen und Migranten werden in Deutschland und damit in Düsseldorf alt. Sie sind und waren keine Gastarbeiter. Mit ihren Wohnwünschen und –bedürfnissen muss sich auseinandergesetzt werden. Umfragen zu Folge sind hierfür keine besonderen Wohnungsanpassungen notwendig, aber eine kulturelle Öffnung viele Handlungsakteure. Ist sie gegeben, können Migrantinnen und Migranten auch aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfeldes im Alter beitragen.

Es ist sinnvoll, exemplarisch den Stadtumbau für eine alternde Gesellschaft in einem Stadtteil auszuprobieren. Die Stadt Frankfurt hat dies in der Nordweststadt gemacht und dort die Wohnzufriedenheit gesteigert und viele Erkenntnisse für die Zukunft gewonnen. Darüber hinaus fallen barrierefreie Bushaltestellen, kontrastreiche Poller und Masten sowie sichere Fußwege und Überwege in den Aufgabenbereich der Stadt. Hier kann sie viel für ein altengerechtes Wohnumfeld tun.

Mit freundlichen Grüßen

Antonia Frey Traudl Blumenroth